Außerdem: Palotischer Orden für Christian Reich & Warum Folkies Regenbogenpresse-untauglich sind & Gedanken zum Tourismus & Herminator und Terminator & Donald Trumps neuer Botschafter in Wien

Der Ballsaal Palindrone in der Sargfabrik bot das übliche Bild: Volles Haus, animierte Tänzer und mit dem Duo Parasol aus Frankreich grandiose Gastmusiker. Barbara Rett würde auf ORFIII wohl sagen, eine rauschende Ballnacht, die sich würdig in die feinsten Veranstaltungen des Wiener Faschings einreiht.

Am nächsten Tag nach Prag, zum ersten Mal in der palotischen Geschichte. Eigentlich erstaunlich, dass wir seit einundzwanzig Jahren kreuz und quer durch die Welt tourten und es nie in unser Nachbarland schafften.

Schauplatz unserer tschechischen Premiere war das Divadlo Ponec, landesweit eine der renommiertesten Spielstätten für zeitgenössischen Tanz und Bewegungstheater. Außer zahlreichen heimischen und internationalen Produktionen meist experimenteller Tanzkunst finden im Ponec regelmäßig “interactive dance hall nights“ statt – wie das Prague Balfolk Weekend, einem dreitägigen Festival. Dieses Jahr mit Bal Lab (CZ), ba.fnu (CZ), Zlabaya (FR), Parasol (FR), Stefano Baldan (IT), Herrmann Fritz (AUT) und Hotel Palindrone.

Ende Januar pilgerten Tanzbegeisterte von Berlin bis Wien ins Theater Ponec. Da sollte endlich ein Freund erwähnt werden, der auch nach Prag reiste. Er verzaubert seit Jahren mit Charme und Eleganz den palotischen Ballsaal, sei es als Publikumstänzer oder als Tanzmeister: Christian Reich, dem wir hiermit den Orden Prix d’Honneur Palotique verleihen. Wir wollten ihm diese internationale Auszeichnung im Ponec überreichen, aber im Trubel der Ereignisse im bummvollen Saal war es nicht möglich. Wir holen die Ehrung beim nächsten Wiener Ballsaal Palindrone nach.

Praha Divadlo Ponec I (17)   Foto S. Olehlova

Palotika-Leser wissen, dass wir in unseren Artikeln üblicherweise wenig über unsere Auftritte berichten und auch nicht in die glamouröse Welt des Folk eintauchen. Da gäbe es auch nicht viel zu schreiben, denn die Weltmusik-Szene besteht aus ziemlich normalen Menschen. Kein Stoff für die Herz-Schmerz-Sensationsmedien. Höchstens Schlagzeilen wie “Carlos Nuñes chillt bei einem Glas Albariño“, “Andy Irvine zieht deutsche Bratwürste den englischen Bangers vor“, “Gabriel Yakoubs Citroen2CV überlebte Malicorne“ oder “Dudelsackphobie bei Hotel Palindrone?“ Pardon – wir sind eben fad.

Deswegen bieten unsere Palotika den geneigten Lesern etwas Anderes als musikalische Seitenblicke. Auf unseren Touren durch die Welt erleben wir allerlei Interessantes und treten oft in Orten oder Regionen auf, die noch nicht vom Massentourismus entdeckt wurden.

Da ist es natürlich nicht leicht über Prag zu schreiben. Eine Stadt, die jeder kennt und von vielen Reise-Connaisseurs bereits mit dem inquisitorischen Verdikt “da-kann-man-wegen-des-Massentourismus-nicht-mehr-hinfahren-das-ist-schlimmer-als-Venedig“ belegt wurde.

Bevor wir als weniger zeitgeplagte Reisende über solche Menschen lästern und wir uns ob unserer kulturkennerischen Nachhaltigkeit auf die Brust klopfen, gebe ich zu bedenken: Viele dieser oft aus Japan und China stammenden Touristen erfüllen sich mit ihrem knappen Urlaubsanspruch einen Reisetraum, der sich vielleicht nie wieder in ihrem Leben wiederholt. Offensichtlich wirkt sich das Vorweisen einer solchen Europatour auch höchst positiv auf das Sozialprestige der Heimkehrer aus. Daher die lückenlose Reisedokumentation durch unermüdliches Fotografieren (worüber ich auch oft fluchte oder mich lustig machte – man wird schneller zum Snob als man glaubt).

So sehr diese Art von Tourismus Nepp und Kommerz anheizt sowie ökologischen und kulturellen Kahlschlag beschleunigt – sollen wir Kunststädte und Erholungslandschaften für die Massen sperren? Wer darf Florenz, Kreta oder die Normandie besuchen? Sollen wir Reiseführerscheine ausstellen, nach Absolvieren eines zwanzigstündigen Cultural Science Seminars? Oder für Kunststädte Eintrittsgebühren verlangen? Und was ist mit urlaubsreifen Europäern? Sollen sie in Frosinone, Blény-sur-Plume, Unterbüxlbaxlboxlhausen oder Krostinac bleiben?

Als Österreicher sind wir übrigens an dieser Europamanie nicht unbeteiligt, schließlich touren Wiener Philharmoniker oder Wiener Sängerknaben als werbewirksame Testimonials regelmäßig durch Ostasien, wo angeblich auch Schiffsladungen von Mozartkugeln vernascht werden. Außerdem sorgten des Herminators (für Nichtösterreicher: Skistar Hermann Maier) Kapitalsturz und Olympiasieg in Japan für imagemäßigen Mehrwert unschätzbaren Ausmaßes. Wegen Herminator Maier und Terminator Schwarzenegger glauben angeblich viele Asiaten, österreichische Männer seien zähe Kraftpakete. Offensichtlich haben sie noch nie ein Foto von Hotel Palindrone gesehen.

Wir müssen an dieser stelle den Film Sound of Music erwähnen, der jahrzehntelang Österreichs Image in den USA prägte. Unglücklicherweise funktioniert die Werbung  noch immer und sie wird Einfluss auf die österreichisch-amerikanischen Beziehungen haben. Donald Trump ernannte Patrick Park zum neuen Botschafter in Wien.  Herr Park zu seiner außenpolitischen Qualifikation in einem Interview mit den Palm Beach News: „Ich habe Sound of Music fünfundsiebzigmal gesehen. Ich kann jedes Wort und jedes Lied auswendig.“ Wahrscheinlich gibt es keine tausend Österreicher, die den Film je gesehen haben. Und wohl keinen, der auch nur einen  Satz zitieren könnte. Aber jetzt wissen wir, was wir mit Landsleuten machen könnten, die sich  fünfundzwanzigmal den selben Chuck-Norris-Film reinzogen.

Zurück nach Prag. Wer sich von den Prager Touristenmassen erholen will, könnte (gleich neben der meist überfüllten Karlsbrücke) in die Misenska spazieren. Dort bietet das winzige, bei Einheimischen und Ausländern höchst beliebte Vinograf Zuflucht. Hier werden als Abwechslung zum omnipräsenten Bier großartige tschechische Weine angeboten und auch fachkundig erklärt – vor allem Veltliner, Rieslinge und Blaufränkische aus der Region Mikulov an der niederösterreichisch-mährischen Grenze.

Dort können Sie über die Zukunft des Reisens nachdenken. Oder sich auf Donald Trumps Ernennung des neuen Botschafters in Prag einstimmen und über dessen Qualifikation zum Diplomaten grübeln. Vielleicht der Konsum von fünfundsiebzig Gallonen tschechischen Biers?