Fanny Hensel Saal der Wiener Universität für Musik sowie das Cinema Paradiso in Baden: Würdige Auftrittsorte und zwei „Heimspiele“ (Marialena Fernandes unterrichtet an der Musik-Uni  und zwei Paloten wohnen im Bezirk Baden) für die Präsentation des bei Gramola erschienenen neuen Albums.  Zur Beschreibung des Programms, mit  dem  Quintett seine  Zuhörer begeisterte, lassen wir am besten den CD-Text sprechen:

„Als sich die Wege von Marialena Fernandes und Hotel Palindrone kreuzten, ahnten die Musiker noch nicht, wohin sie diese Zusammenarbeit führen würde – sowohl musikalisch als auch geographisch. Spätestens nach ihrem Konzert anlässlich des Haydnjahres 2009 im Wiener Musikverein beschlossen die Pianistin und die vier Multi-Instrumentalisten, ihre Kooperation fortzusetzen.

Klassik und traditionelle europäische Volksmusik – das faszinierende Klangspektrum, welches das zunächst „Hotel Haydn“ genannte Quintett entwickelt hatte, verlangte eine weitere Auseinandersetzung mit musikalischen Genres, die scheinbar nicht zusammenpassen. Das Repertoire umfasste bald – angeregt durch Marialena – Scarlatti, Bach, Mozart, Haydn und Bartók. Die Paloten lieferten Melodien, die von den Alpen nach Skandinavien, von der Iberischen Halbinsel zum Balkan und von der Bretagne bzw. den Britischen Inseln an die Donau führen. Garniert mit zwischen Klassik, Jazz, Rock, Folk und Weltmusik oszillierenden Eigenkompositionen.

CD Präsentation Baden 2016 (3)

Cinema Paradiso (Foto: Friedrich Sattra)

Schon nach der ersten Probe zeigte sich, wie leicht sich die Musik der Großmeister des Barock und der Klassik mit jener der authentischen Volksmusik und des New Folk vereinigen lassen. Das Quintett fand in Haydn & Co Weltmusiker im besten Sinn des Wortes: Leichtfüßig zwischen den verschiedensten Einflüssen tänzelnd und von keinerlei Berührungsängsten mit dem Pop ihrer Zeitgenossen geplagt – genau so wenig mit Liedern und Tänzen anderer Kulturen oder Ethnien.

Als es um die Auswahl der Komponisten für das vorliegende Album ging, mussten die Musiker nicht lange diskutieren: Domenico Scarlatti, Joseph Haydn und Béla Bartók. Schweren und doch leichten Herzens nahmen sie von Mozart, Schubert, Beethoven oder Liszt (die das Quintett alle im Konzertrepertoire führt) Abstand und wählten Kompositionen, welche als Musterbeispiele des zeitgenössischen „Crossover“ oder „transkultureller Musik“ angesehen werden könnten.

Durch die Nähe seines Geburtshauses im niederösterreichischen Rohrau zu slowakischen, ungarischen, kroatischen und von Roma bewohnten Dörfern wuchs Joseph Haydn mit den Liedern und Tänzen dieser Kulturen auf. Solche Einflüsse ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Werk: In der Ongarese, der Zingarese oder in der Londoner Symphonie Nr.104, in welcher als eines der Hauptthemen das noch heute gesungene kroatische Volkslied Oj Jelena zu hören ist. Doch Haydn ging als Komponist und Sammler weit über seine multi-ethnische Heimat hinaus: Während seines Aufenthalts in England entstanden über vierhundert Bearbeitungen englischer, walisischer und vor allem schottischer Lieder.

Ähnlich Domenico Scarlatti: Nachdem er sich in Italien als Komponist, Kapellmeister und Cembalovirtuose einen Namen gemacht hatte, übersiedelte er nach Lissabon, wo er nicht nur das Hoforchester leitete, sondern auch Prinzessin Maria Bárbara unterrichtete. Als seine Schülerin den spanischen Kronprinzen Fernando heiratete, folgte Scarlatti der zukünftigen Königin nach Sevilla und Madrid – mit weitreichenden Folgen für sein kompositorisches Schaffen. Er schrieb über fünfhundert Sonaten, die deutlich von der Musik der Mauren, der Gitanos und der christlich-spanischen Bevölkerung geprägt waren. „Das Volksmusikelement ist konstant in diesen Werken spürbar“ (baroquemusic.org): Musik des Volkes und dreier Ethnien, Melodien zwischen Moll und Dur, Rhythmen geprägt von bolero und fandango.

Béla Bartók gilt als Wegbereiter der modernen Musikethnologie. Er studierte und sammelte zahllose Beispiele von Liedern und Tänzen aus Ungarn und den Nachbarländern. Als Forscher und Komponist erforschte Bartók die Welt der „Bauermusik“, wie er sie voller Respekt nannte, und verstand sich damit als Gegenpol zu den   romantisierenden Kompositionen von Franz Liszt (Ungarische Rhapsodie) oder Johannes Brahms (Ungarische Tänze).

Die Beschäftigung mit der Musik einfacher Menschen machte ihm bewusst (ganz im Widerspruch zur im frühen 20. Jahrhundert grassierenden Nationalisierung der Kultur), dass sich regionale Formen der Kunst nicht durch ideologisch verordneten Patriotismus einschränken lassen. Er schrieb im amerikanischen Exil: „Mein Ziel ist die Verbrüderung der Völker. In diesen Dienst stelle ich meine ganze Kraft.“ (zitiert in: Béla Bartók Internationale Musikgesellschaft, belabartok.at). Bartók suchte wie Scarlatti und Haydn das Regionale, um Weltmusik oder Musik für die Welt zu schreiben.

Was Marialena Fernandes und Hotel Palindrone an den Kompositionen dieser Drei so fasziniert, ist die Tatsache, dass sie förmlich zu einem „Cross-Crossover“ oder zum „Fusion-Crossover“ einladen (wenn dieser neologistische Neologismus erlaubt sei). Scarlatti, Haydn und Bartók waren nicht nur mit Cembalo und Klavier oder anderen klassischen Instrumenten vertraut, sondern auch mit Dudelsack, Gitarre, Drehleier oder Naturflöten. Da lag es auf der Hand, Marialenas Klavier mit dem umfangreichen palotischen Instrumentarium zu kombinieren, um Klänge und Rhythmen zu erforschen, die so manchem modernen Klassikhörer und Rockfan exotisch vorkommen mögen, aber den Musikern früherer   Jahrhunderte selbstverständlich waren.

Verspielt und doch ernsthaft, voller Experimentierfreude und zugleich mit großem Respekt, erarbeitete sich das Quintett ein Programm, das dieser doppelten musikalischen Akkulturation gerecht werden sollte. Um dann eine neue Route zu entdecken, die nach Indien führte. Marialena Fernandes stammt aus Goa und ihr portugiesischer Name verweist auf eine 500-jährige Geschichte, die Indien mit Europa verbindet. Was nicht nur architektonisch an der Westküste Indiens seinen Niederschlag fand, sondern auch in Kleidung, Kulinarik, Sprache und Musik.

Mandos, Dulpods und Dekhnis. Melodien, in denen „der Osten den Westen trifft – nicht als Aufeinanderprallen, sondern als Verschmelzung. Nicht als Missklang, sondern als Harmonie.“ (Alfred Braganca). Fado, Kontratanz, Quadrille, Walzer und Polka verbreiteten sich in den portugiesischen Kolonien sehr rasch, auch in der autochtonen Bevölkerung. Diese Musik sollte im 19. Und 20. Jahrhundert einen wahren Höhenflug erleben.

Im Februar konnte das indisch-österreichische Quintett sein goanesisches Repertoire vor Ort dem ultimativen Test unterziehen: Innerhalb von zwölf Tagen spielte sie zehn Konzerte und hielten drei Workshops ab. In Mumbai und Bangalore, sowie in den Konkani-Hochburgen Mangalore und Goa. Die Begeisterung des indischen Publikums gab den entscheidenden Impuls zur Aufnahme des Albums Tambdde Roza.

Marialena Fernandes suchte für diese Produktion die heute vielleicht populärsten Lieder der goanesischen Musik aus. Melodien, die in Konkani gesungen werden, einer Sprache, die von Mumbai bis Mangalore von etwa zehn Millionen Menschen gesprochen wird. Man hört diese Melodien scheinbar überall – in Geschäften, auf der Straße und auch in den schicksten Clubs. In allen erdenklichen Interpretationen: Von der Originalbesetzung mit Geige, Gitarre und Ghumot-Trommel bis zur Rock- und Popversion im Bollywood-Stil.

Tambdde Roza Tuje Pola und Adeus Korchu Vella Paulu sind Mandos, in denen es üblicherweise um große Gefühle geht. In diesem Fall um Liebe (Deine Wangen sind wie rote Rosen) und Abschiedsschmerz anlässlich einer Hochzeit (Die Zeit zum Abschiednehmen ist gekommen). Der Rhythmus eines Mando führte zu so manchem Gelehrtenstreit, vor allem wenn man „europäisch“ oder „akademisch“ hört: Dreiviertel- oder Sechsvierteltakt? Marialena schreibt in ihrer Dissertation, die meisten Sänger und Instrumentalisten kümmern sich nicht um Takte oder Rhythmuslehre, sie führen viel mehr mittels ihres Gehörs und Gefühls wie von selbst Melodie und Rhythmik zusammen. Eine Philosophie des Musizierens, die der Spielweise von Hotel Palindrone sehr entgegenkommt.

Während der Mando wie der portugiesische Fado für die romantische und sentimentale Seele der Goanesen steht, geht es im Dulpod um handfeste Realität, um die Sorgen und Freuden des Alltags. Im schwungvollen Sechsachteltakt lädt er nicht nur zum Singen, sondern auch zum Tanzen ein. Die hier präsentierten Beispiele enthalten alle Ingredienzen dieser Liedform: Ironie, Spott, Koketterie und skurriler Humor. In Cecilia Mhojem Naum (Cecilia ist mein Name) lässt sich ein schlaues Mädchen nicht so leicht vom Charme eines verliebten Mannes beeindrucken, obwohl sie ihn mag. Im darauf folgenden Undra Mujea Mama (Du Ratte, mein Onkel) kommt es zu einer bizarr-makabren Begegnung zwischen Nagetieren und Katzen.

Dekhni bedeutet auf Sanskrit „teuflische, betörende Schönheit“, auf Konkani entdämonisiert und damit weniger zweideutig „bezaubernde Schönheit“. Dieses Tanzlied im Zweivierteltakt kann als kulturelle Verbindung zwischen dem von Hindus bewohnten Regionen und der christlich-portugiesisch geprägten Küstengegend Goas gesehen werden. Die hinduistischen Gebiete galten als sagenumwoben und geheimnisvoll, sie wurden als Projektionsfläche der kolonial geprägten Städter zum Sehnsuchtsort – und zur Inspiration für die Musik. In ähnlicher Weise entwickelte sich dank Goethe&Co Italien zum sentimentalen Fluchtziel der Mitteleuropäer, oder seit den 1920ern Mexiko zum schillernden Gefühlsutopia der puritanisch geprägten USA. Das gilt natürlich für den ganzen indischen Subkontinent, der nicht zuletzt dank der Beatles zum emotionalen Schlaraffia der westlichen Welt wurde.

„Jenseits des Flusses“ ist laut Marialena eine häufig gehörte Metapher auf eine attraktive und doch etwas verruchte Welt. Ganz nahe und doch weit weg. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der populärste Dekhni Indiens, der es auch zu Bollywood-Ehren brachte, den Titel Haun Saiba Poltoddi Vetam (Ich überquere den Fluss) trägt. Eine Gruppe Mädchen will zu einer Hochzeit, doch dazu muss der Fährmann, dem die jungen Damen gut gefallen (und wohl vice versa) und sie daher zappeln lässt, erst überredet werden. Die Geschichte findet ihre Fortsetzung im kecken Wechselgesang von Ghe Ghe Ghe (Nimm, nimm, nimm): Selbst das Angebot von Blumen und Schmuck können den Bootsfahrer nicht überzeugen – einzig das Versprechen eines Kusses lässt ihn zum Ruder greifen.

Bei der Zusammenstellung des Programms für das Album Tambdde Roza fiel es den Musikern gar nicht so leicht, aus ihren umfangreichen Repertoire traditioneller europäischer Musik oder aus ihren Eigenkompositionen eine Auswahl zu treffen. Vieles davon hätte zu den anderen Aufnahmen gepasst. Schließlich entschieden sie sich für Tänze aus Schweden und Österreich. Aus dem Norden eine archaische Kruspolska mit dunkler und zugleich listiger Melodie, in einem vertrackten, aber auch zum Tanzen verführenden Rhythmus. Aus dem Salzkammergut Schleunige Tänze der Schmalnauer Sammlung, mit einer lydischen Tonleiter, die wohl Domenico Scarlatti oder Carlos Eugenio Ferreira begeistert hätte.

Klassik, Folk, Jazz, Ethno, Weltmusik? Es fällt schwer, die Musik von Marialena Fernandes und Hotel Palindrone zu kategorisieren. Sie bedient sich aber einer Sprache, die – im Sinne Joseph Haydns – wohl alle verstehen, die bereit sind, Grenzen zu überwinden und das Neue zu suchen.“ (Louis Adrian Lamothe)