Oder warum Österreich in den erweiterten Kreis der Keltischen Nationen aufgenommen werden sollte.

Von John Morrissey 

Einleitung

Die Sechs Keltischen Nationen: Bretagne, Cornwall, Irland, Isle of Man, Schottland und Wales. Wesentliches Kriterium zur Aufnahme in diesen internationalen Kulturverbund ist die offizielle Verwendung einer keltischen Sprache. Wobei sich auf der Isle of Man die Anzahl der Manx-Sprechenden auf 1.700 Personen beschränkt (2% der Gesamt-bevölkerung), in Wales hingegen fast 600.000 Menschen Cymraeg verwenden (etwa 25% aller Waliser). Dazu kommen 160.000 walisische Emigranten in England und Übersee.

Die 1961 gegründete Keltische Liga legte diese strenge sprachliche Richtlinie fest, daher gehören nicht einmal Galicien oder Asturien zu diesem auserlesenen Kreis. Was immer wieder zu Diskussionen innerhalb der Liga führte, aber immerhin sind nordwest-spanische Musiker bei keltischen Festivals höchst willkommen.

Österreichs keltische Vergangenheit liegt auf den ersten Blick weit zurück und es scheint davon kaum lebendige Spuren in unserer Kultur zu geben. Abgesehen von beeindruckenden archäologischen Funden in weiten Teilen des Landes und von Toponymen wie Linz, Bregenz, Tauern und Alpen. Doch der Verweis auf die Blütezeit der mitteleuropäischen Kelten in der Hallstatt- und Laténezeit wird kaum zur Aufnahme Österreichs in den modernen Keltenkosmos führen.

Aber womöglich steht Österreich nicht weniger in Bezug zu den Kelten als jene Staaten, die auf eine irische, walisische oder galicische Diaspora verweisen können und die bei der Aufzählung pan-keltischer Regionen nicht fehlen dürfen, selbst wenn die Enklaven noch so klein sind: Argentinien, Mexiko, Kuba, Kanada (Gaìdhlig Canadanach in Nova Scotia) und Australien. Karibikurlauber sollten daher nicht überrascht sein, wenn sie auf der Suche nach Musik des Buena Vista Social Club in das Celtfest Cuba geraten.

Da darf man wohl mit einiger Berechtigung einen Blick auf Österreichs Geschichte der letzten 1.500 Jahre werfen, denn tatsächlich spielten Iren und Schotten im Alpenraum eine wichtige Rolle. Als Missionare, Heilige, Soldaten, Politiker und Fußballer. Auch Österreicher wissen davon wenig bis gar nichts.

 

Missionare und Heilige

Warum taucht in Wien so oft der Name Schotten auf? Schottenstift, Schottenbastei, Schottengasse, Schottentor, Schottenaustraße, Schottenwald, Schottenfeld und so weiter. Es war Markgraf Heinrich II. Jasomirgott, der ausdrücklich beim Bau eines Klosters in seiner neuen Hauptstadt Wien die Berufung irisch-schottischer Mönche forderte. “Solo eligimus scottos“ heißt es in der Stiftungsurkunde des Jahres 1155 – “wir wählen nur Schotten aus“ (womit auch Iren gemeint waren). Die Geistlichen aus dem Westen galten als vielseitige Experten, von Landwirtschaft und Baugewerbe bis zu Bildung und Spiritualität.

Stift Schotten & Co (2)                                           Stift Schotten & Co (4)

Damit setzte Heinrich (1156 zum Herzog aufgestiegen) eine Tradition fort, die im 6. Jahrhundert begonnen hatte, als Missionare von den Britischen Inseln im Alpenraum auftauchten. Kolumban der Jüngere und Gallus wirkten in der Schweiz beziehungsweise in Vorarlberg. Virgil hinterließ nachhaltige Spuren in Salzburg und Kärnten.

Darüber hinaus war einer der wichtigsten Märtyrer-Heiligen Österreichs auch ein Ire. Koloman, laut Legende von königlichem Geblüt, befand sich 1012 auf einer Pilgerreise nach Jerusalem, als er wegen mangelnder Deutschkenntnisse im niederösterreichischen Stockerau in den Verdacht geriet, ein böhmischer oder mährischer Spion zu sein. Er wurde vom wütenden Mob gelyncht. Der Ire hing ohne zu verwesen neben zwei Mördern und bald nach seinem Begräbnis ereigneten sich allerlei wundersame Dinge. Als 1014 das Stockerauer Grab geöffnet wurde, konstatierten die Experten eine auffällige Verrottungsresistenz des Leichnams (Witzbolde würden das wohl auf Whiskeykonsum zurückführen, aber dieses gälische Nationalgetränk ist erst ab dem 15. Jahrhundert urkundlich belegt). Daher wurde der mirakulöse Koloman in einem würdigeren Ambiente bestattet, er fand seine letzte Ruhestätte in der markgräflichen Residenz Melk.

Seitdem trägt Koloman in Österreich einige Verantwortung. Er ist nicht nur Patron aller zum Tod mittels Strick Verurteilten, sondern er wacht auch über das Wohl von Reisenden, schützt vor Nagetieren und gilt als effizienter Abwehrchef gegen Feuer, Wetterkapriolen und Krankheiten. Ich würde sein Portfolio erweitern und beantrage hiermit die Ernennung Kolomans zum Schutzheiligen gegen Fremdenhass und Massenhysterie.

Wenn von irischen Heiligen die Rede ist, darf Patrick nicht fehlen, der in Österreich seit den 1990ern eine erstaunliche Karriere hingelegt hat. Wobei seine Kanonisierung nicht aus spirituellen Gründen und mit päpstlichem Segen erfolgte, sondern den spirits im alkoholischen Sinn geschuldet ist. Als Promotor dieser modernen irischen Missionierung Österreichs fungiert nicht der Pontifex – dessen Job übernahmen Biergigant Guiness (der Franchisenehmern aus aller Welt Starthilfe für die Eröffnung von Pubs gibt[1]) sowie der Whiskeyproduzent Jameson.

Jedenfalls spannt sich heute kreuz und quer durch die Alpenrepublik ein Netz von Irish Pubs, die man selbst in Kleinstädten und Dörfern findet. Höhepunkt des Pub-Jahres ist natürlich St. Patrick’s Day, der gerade in Wien mit großem Aufwand gefeiert wird. Jedes Jahr erstrahlt ein bedeutsames Bauwerk in grün (zuletzt Burgtheater und Riesenrad), die irische Botschaft organisiert eine Parade vom Yppenplatz zur Ottakringer Brauerei (wo etwa 3.500 Leute den Heiligen Paddy hochleben lassen). Ganz zu schweigen von der Partylaune in zahllosen Pubs, Szenebeisln und Bars.

Damit sich der Kreis zur mittelalterlichen Missionierung schließt: In Wien lebende Iren, die Patrick nicht nur als Patron der Eventkultur und des strategischen Marketings betrachten, feiern ihren Nationalheiligen auch außerhalb des Pubs. Wie nicht anders zu erwarten, bei einer Messe im Stift Schotten. Zur Beruhigung aller, die Spritualismus mit spirits verbinden wollen: Die nächste irische Kneipe liegt in Sichtweite der Stiftskirche.

St Patrick's Day (3)

 

Soldaten und Politiker

Man nannte sie Wild Geese. Ab dem frühen 17. Jahrhundert verließen zahllose irische Soldaten ihre Heimat, sei es zwecks besserer Aufstiegschancen oder wegen wachsender Diskriminierung der gälischen Kultur durch die Engländer. In Spanien und Frankreich, sogar in Russland tauchten sie auf. Seit dem Dreißigjährigen Krieg kämpften Wild Geese in der habsburgischen Armee und galten bald als verwegene Haudegen, die man mit den heikelsten Aufgaben betrauen konnte. Etwa Walter Butler, der 1634 im Auftrag Kaiser Ferdinands II. den Feldherrn Albrecht Wenzel von Wallenstein ermordete, assistiert von seinem Landsmann Walter Devereaux. Ein Jahr später bewies ein Ire in habsburgischen Diensten, dass sich Konflikte auch diplomatisch lösen lassen: Olivier Wallis (ursprünglich Walsh) of Carrickmines gilt als Einfädler des Prager Friedens, der die Versöhnung von protestantischen und katholischen Fürsten Deutschlands herbeiführte.

Auch bei der zweiten Türkenbelagerung Wiens 1683 zeichneten sich irische Offiziere aus, beispielsweise Thaddeus O’Hussey oder Francis Taaffe (dessen Nachfahre Eduard Taaffe von 1867 bis 1893 zahlreiche Regierungsämter in Kaiser Franz Josephs Regierung bekleidete: Verteidigungsminister, Statthalter des Kronlandes Tirol und Ministerpräsident. Trotz seiner Abneigung gegenüber Sozialisten, Gewerkschaften und freier Presse initiierte Eduard Taaffe mehrere Arbeiterschutzgesetze sowie die Einführung einer allgemeinen Kranken- und Unfallsversicherung).

1690, nach der für die Iren so fatalen Schlacht am Boyne, erfolgte ein weiterer Exodus. Tausende verließen ihre Heimat, etwa 1.500 (vor allem Offiziere) fanden Zuflucht bei den Habsburgern. Wieder erwiesen sich die Immigranten als Glücksgriff, beispielsweise Feldmarschall Maximilian Ulysses Browne in den Kriegen um Schlesien oder Feldmarschall Franz Moritz von Lacy im Siebenjährigen Krieg. Letzterer ging auch als Reformer der habsburgischen Armee in die Geschichte ein.

Zum Finale dieses militärhistorischen Exkurses darf die vielleicht bekannteste österreichische Familie irischer Herkunft nicht fehlen: Die Banfields. 1866 vollbrachte Marineoffizier Richard Banfield-von-Clonmel-und-Castle-Lions beim Kampf gegen die Italiener in der Adria einige Bravourstücke und genoss seitdem den Ruf eines maritimen Teufelskerls. Wahren Ruhm (bis heute bei Militär-Enthusiasten und Habsburg-Nostalgikern) erlangte aber sein Sohn Gottfried von Banfield, erfolgreichster Kampfpilot Österreich-Ungarns, der oft mit Deutschlands Fliegerhelden Roter Baron in einem Atemzug genannt wird. Er starb 1986 als letzter Träger des Maria-Theresia-Ordens. Der letzte Wild-Geese-Held stieg auch in der Vogelrangliste mächtig auf, denn man nennt ihn bis heute den Adler von Triest.

 

Fußball

Es mag überraschen, dass auch in der Fußballgeschichte eine direkte Kontinuitätslinie zwischen einer Celtic Nation und Österreich zu finden ist. Ende des 19. Jahrhunderts hielt sich eine beachtliche britische Kolonie in der Habsburgermonarchie auf: Botschaftsangehörige, Bankangestellte, Händler sowie auffallend viele Gärtner. Vom Gartenkick zum Vereinsfußball ging es schnell. 1894 wurde   Vienna Cricket and Football Club gegründet, der nur aus Briten bestand. Im selben Jahr der First Vienna Football Club, in dessen Mitgliederliste sich Wiener und Briten finden. Unter anderem William Beale, der von der Isle of Man stammte. Er entwarf das bis heute unveränderte Vereinswappen der Vienna, nämlich (inspiriert von der Fahne seiner Heimat) ein aus drei Kickerbeinen gebildetes Triskel mit einem Ball im Zentrum.

Triskel - Isle of Man - Fahne                                Triskel- First Vienna Football Club - Wappen

Noch im Gründungsjahr traten die Cricketer und die Vienna zum ersten offiziellen Fußballmatch an, es endete mit einem 3-0 für die Cricketers. Das war der Startschuss zu einer veritablen Fußballmanie, welche von Wien Besitz ergriff. Zehntausende strömten zu den Meisterschaftsspielen (wesentlich mehr als in der aktuellen Bundesliga), wobei die Wiener Fans rasch eine Vorliebe für trickreiche und kunstvolle Fußballer entwickelten. Allerdings fehlte den Austro-Kickern taktische Finesse.

Das sollte sich ändern, als 1912 Jimmy Hogan, aus Irland stammender Nordengländer, Trainer der österreichischen Nationalmannschaft wurde. Hogan war radikaler Anhänger des in Schottland entwickelten Kurzpass-Spiels, das anders als das englische Langpass-System (Kick-and-Rush, würde man heute sagen), auf Ballbesitz und Technik setzte.

Hogan lief damit bei den verspielten heimischen Kickern offene Türen ein und sorgte für eine harmonische Verschmelzung schottischen Kombinationsfußballs mit Wiener Ballkunst. Womit das Wort Ball in der Welthauptstadt des Tanzvergnügens eine wunderbare Doppelbedeutung erhielt. “Österreich wurde warm mit Hogan, und Hogan wurde warm mit Österreich. Dessen Fußball, sagte er, sei wie ein Walzer, leicht und einfach.“[2] Die wienerische Identifikation von Musik und Fußball zeigt sich auch an einem anderen Begriff, dem Aufgeigen. Fulminant-fantasievoll spielende Kicker geigen auf, und Gleiches sagt man über Musiker, wenn sie frei und leicht spielen – egal ob Wirthausmusikanten oder Konzertvirtuosen.

Einige Jahre später ging der Brite nach Ungarn, wo ihm bei MTK Budapest der gleiche ballestrische Verschmelzungsprozess gelang. Dank Hogan entstand in Wien und Budapest der Donaufußball, welcher in den nächsten Jahrzehnten Europa verzaubern sollte. Vor allem Wien galt als Zentrum kickerischer Kreativität.

Dafür sorgte in den Dreißigerjahren Hugo Meisl, der die Ideen seines Freundes Jimmy Hogan perfektionierte. Das bedeutete noch mehr balltechnische Raffinesse, Improvisation, Positionswechsel und erhöhte Kurzpass-Frequenz. Diesen Spielstil nannte man im Wienerischen Scheiberln. Bald galt die österreichische Nationalmannschaft, angeführt vom Genie Matthias Sindelar (wegen seines filigran-eleganten Stils der Papierene genannt) als die beste Europas, enthusiastisch von Fans und Presse als das Wunderteam gefeiert. Auf Klubebene war es Sindelars Austria Wien, die in den 1930ern den internationalen Fußball prägte (und zweimal den Vorläufer der Champions League, den Mitropa Cup, gewann).

In der Nachkriegszeit erlebte der Donau-Stil während der WM 1954 noch eine Hochblüte (Ungarn Zweiter und Österreich Dritter). Dann allerdings fand diese Spielidee eine neue Heimat in den Niederlanden. Auch dort hatte das schottische Konzept früh Fuß gefasst – einerseits durch ein Intermezzo Hogans, aber vor allem durch den langjährigen britischen Ajax-Amsterdam-Manager Jack Reynolds. Er legte den Grundstein für den von Trainer Rinus Michels und Spielmacher Johan Cruyff bei Ajax entwickelten Totalvoetball, der noch mehr auf Ballbesitz, Rhythmuswechsel und Aufgabe fixer Positionen setzte. Als Michels, Cruyff und andere Niederländer zu CF Barcelona wechselten, sollten Fußballtotal und spanische Ballartistik zum tiqui-taca à la Iniesta und Xavi verschmelzen.

Klingt erstaunlich. Vom Scottish short-pass und Wiener Scheiberln zum Nederlands totalvoetball und tiqui-taca español. Wenn Sie das nicht glauben können, dann lesen Sie Jonathan Wilson’s Revolutionen auf dem Rasen.

 

Musik

Allen Bemühungen mitteleuropäischer Keltomanen zum Trotz muss an dieser Stelle konstatiert werden, dass sich in der faszinierenden Musik des Salzkammerguts (einem kulturellen und ökonomischen Hotspot der Hallstatt- und Laténezeit) mit ihren Schleunigen und Schützentänzen keine keltischen Wurzeln oder Einflüsse finden lassen, so sehr man sich auch bemühen mag und mettrinkend Bäume umarmt. Diese Musik lässt sich bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen und so manche Elemente mögen tatsächlich an irische, bretonische oder galicische Musik erinnern, wenn man sie beim Klang und der Instrumentierung ähnlich anlegt wie die Pioniere der Neo-Folkbewegung des späten 20. Jahrhunderts. Genannt seien hier Planxty, Bothy Band, Alan Stivell, Malicorne oder Carlos Nuñes. Doch die für die Musik des Salzkammerguts typischen Bordun-Klänge, synkopierten Melodien, Gegenrhythmen, Schwegelflöten und großen Trommeln ergeben nicht keltische Musik, selbst wenn sie mit Drehleier und Dudelsack (ohnehin traditionelle Instrumente im Alpenraum) gespielt wird, vielleicht begleitet von Gitarre, Akkordeon oder Bouzouki.

Wenn von einem Keltenbezug österreichischer Musik die Rede sein soll, muss man Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven, Ignaz Joseph Pleyel, Johann Nepomuk Hummel und Leopold Antonin Kozeluch erwähnen, Helden der Klassik und Romantik. Nicht fehlen dürfen dabei die Namen dreier Musiksammler und -verleger aus Schottland: William Napier, William Whyte und George Thomson. Sie beauftragten, bei sehr guter Bezahlung, oben genannte Komponisten mit der Bearbeitung hunderter Lieder aus Schottland. Außerdem legte der qualitätsbewusste Thomson den Komponisten Texte von so prominenten Dichtern wie Joanna Baillie, Anne Grant, Walter Scott und Robert Burns zur Vertonung vor.

Wobei wir auch hier wie beim Neo-Folk in einer Authenzitätsdebatte landen. War das von Obengenannten bearbeitete Material in seiner Grundstruktur überhaupt keltisch? Oder steckt mehr Wiener Klassik in den diesen Liedern als man vermuten würde? Wurde die Volksmusik der Britischen Inseln nach 1800 erst durch die Tätigkeit von Haydn & Co keltisiert? Andererseits war Ende des 18. Jahrhunderts keltische Musik (oder was man eben darunter verstand) auch außerhalb des Königreichs sehr populär, nicht zuletzt unter dem Eindruck des angeblichen altgälischen Epos Ossian (in Wirklichkeit eine Dichtung des schottischen Lehrers James Macpherson).

In den letzten Jahren diskutierten Musikologen ausgiebig die Scottishness der Lieder Joseph Haydns. “Kritiker und Verteidiger von Haydns Liedbearbeitungen haben sich lange auf die Frage fokussiert, ob der Komponist die ‘authentische‘ Identität schottischer Musik erfasste. In Übereinstimmung mit der jüngsten Diskussion über Volkskultur, sollte man ihn eher als jemand sehen, der zur Erfindung der schottischen Musik beitrug. Einem Projekt, welches nicht nur Sammeln und Bewahren von Liedern vorsah, sondern auch Veränderung und Arrangieren (und sogar das Schreiben von neuen Stücken), um dem zeitgenössischen Geschmack zu entsprechen. Schottische Melodien in Haydns Adaption, die wir ‘art-music‘-Stil nennen würden, entsprachen dem Anspruch der Liedsammler, die gebildeten Klassen in Schottland und England zu gewinnen.“[3]

Haydn arrangierte für Thomson zwischen 1792 und 1804 über vierhundert Lieder – nicht nur aus Schottland, sondern auch aus Wales und Irland. Der Meister aus Österreich hatte dabei offensichtlich seinen Spaß, denn er schrieb in einem Brief an seinen Auftraggeber, mit dem er auf Italienisch korrespondierte: “Mi vanto questo lavoro“– “ich rühme mich dieser Arbeit“.[4]

Haydns Kooperation mit William Napier führte immerhin zu über 150 Liedbearbeitungen. Ein wahres Himmelsgeschenk für den in den Konkurs geschlitterten und von einer Haftstrafe bedrohten Schotten, der immerhin zwölf Kinder zu versorgen hatte. Darüber schrieb Haydns Biograph Georg August Griesinger im Jahr 1810: “Haydn richtete für ihn ein volles Hundert schottischer Lieder auf moderne Art, in Begleitung eines Basses und einer Violine, ein. Diese Lieder fanden so guten Absatz, dass Napier aus seiner Geldverlegenheit gerissen wurde“.[5] Joseph Haydn als Retter eines vom Gefängnis bedrohten mehrfachen schottischen Vaters! Das alleine sollte genügen, um Österreich in den Kreis der Assoziierten bei den Keltischen Nationen aufzunehmen.

Für William Whyte’s A Collection of Scottish Airs. By Joseph Haydn Mus.Doct arrangierte der Meister etwa sechzig Stücke. Haydn setzte sich mit dieser Arbeit unbekümmert über das Urteil George Thomsons hinweg, der Whyte als “obscure music seller“[6] bezeichnete. War die Bezahlung so gut oder war es Haydns bekannter Sinn für Gerechtigkeit, dass er trotz der Einwände für den angeblichen Obskuranten arbeitete? Man denke nur an seine Interventionen zwecks besserer Entlohnung der Orchestermusiker am Hof Eszterházy – als Worte den Fürsten nicht überzeugen konnten, soll Haydn seine Argumente mit dem vielleicht elegantesten musikalischen Protest der Geschichte untermauert haben, mit der Abschiedssymphonie.

Wie schon erwähnt nahmen auch andere österreichische Komponisten Aufträge Thomsons an, besonders herausstreichen möchte ich Ignaz Joseph Pleyel. Sein Werkverzeichnis nennt zweiunddreißig schottische Lieder, unter anderem I’ll never leave thee, Sweet Annie from the sea-beach came oder The banks of Banna. Darüber hinaus verwendete er auch in einigen seiner Streichquartette Elemente schottischer Musik, die er bei einer Englandreise im Jahr 1792 (also vor Haydn) kennenlernte.

“Keltische Musik und speziell schottische Lieder waren in Europa sehr populär. Haydn und Beethoven schrieben viele exzellente Arrangements, eine Tradition, die lange gepflegt wurde, wie man an Bruchs feinen Bearbeitungen sehen kann. Pleyel geht einen Schritt weiter und integriert sie in diese vier Streichquartette. Das Resultat ist wunderbar, ein Hybrid zwischen mitteleuropäischem und schottischem Volksmusikstil. Die Musik ist leicht und zart, dabei dienen die Volksmusikelemente nur dazu, den tänzerischen Aspekt des Quartetts zu steigern.“[7]

Bemerkenswert ist der im Schatten von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert stehende niederösterreichische Musiker auch wegen seiner vermuteten Urheberschaft der französischen Marseillaise.

Wiener Klassiker als Geburtshelfer keltischer Musik? Oder, umgekehrt Promoter irisch-schottischer Melodien auf dem Kontinent? Vielleicht beides, nämlich Schöpfer und Bewahrer von Volksmusiktraditionen. Jedenfalls oszillieren die Großmeister gekonnt zwischen Akkulturation und Innovation – in anderen Worten, sie waren wahrscheinlich Repräsentanten dessen, was man heute Cross Over nennen würde.

Das macht ihre Kompositionen auch für Folk-, Welt,- und Jazzmusiker interessant. Beispielsweise für die Wiener Welt-Musik-Gruppe Hotel Palindrone, ein Quartett (immer wieder erweitert um die Pianistin und Sängerin Marialena Fernandes), das seit Jahren Tanzmusik von Haydn, Mozart, Beethoven, Scarlatti und Bártok spielt. Melodien, welche die Komponisten bei Slowaken, Ungarn, Bulgaren, Kroaten, Italienern oder Roma aufschnappten. Und sie waren natürlich mit alpinen Ländlern, Schleunigen und Jodlern ebenso vertraut. Und nicht zu vergessen, auch zur Musik des angeblichen Abendlanderzfeindes gab es keine Berührungsängste – Mozart komponierte mehrere Stücke alla turca.

Haydn’s Zingarese oder der in seiner Londoner Symphonie Nr. 104 integrierte Kolo Oj Jelena führten Hotel Palindrone fast zwangsläufig zu schottischen Liedern und Instrumentalstücken. Zum Beispiel Soldiers Dream (Melodie vom irischen Harfenisten Turlogh O’Carolan) und John Anderson my Jo (Text von Robert Burns) – zwei Lieder, die in einem Set mit Haydn’s Strathspey composed by Duncan Mc Intyre und einer Air by Haydn (eigentlich ein Jig aus der Symphonie Nr.100 “Military“, auch bekannt als Country Dance unter dem Namen Lord Cathcart’s Welcome Home ) gespielt werden.

 

 

Conclusio und Aufruf

Irisch-schottische Heilige, Missionare, Soldaten, Politiker und Fußballer, die in Österreich deutliche Spuren hinterließen. Joseph Haydn als Erfinder des schottischen Lieds und Retter eines vielfachen schottischen Vaters. Gute Gründe also, um darüber nachzudenken, ob Österreich es nicht längst verdient hat, in den erlauchten Kreis Keltischer Kulturträger aufgenommen zu werden.

 

Lektorat und musikwissenschaftliche Beratung: Stephan Steiner

 

[1] http://irishpubconcept.com/about/overview/why-are-authentic-irish-pubs-successful/

[2] Jonathan Wilson: Revolutionen auf dem Rasen. Eine Geschichte der Fußballtaktik (Verlag die Werkstatt/ Göttingen 2012), S.54

[3] Richard Will: Haydn invents Scotland. In: Mary Hunter/Richard Will (Editors): Engaging Haydn. Culture,   context, criticism (Cambridge University Press 2012), p.74

[4] Zitiert in: www.triovanbeethoven.at/Projekte/Volksliedbearbeitungen-von-Haydn-und-Beethoven (19-01-2017)

[5] ebenda

[6] ebenda

[7] http://musicweb-international.com/classrev/2016/dec/Pleyel_quartetts_HCD32783.htm