Österreichisches Kulturforum Bratislava

In einundzwanzig Jahren bereiste Hotel Palindrone etwa dreißig Länder – darunter auch Malaysia, Mexiko und Indien. Aber in die benachbarte Slowakei hatten es die Paloten nie geschafft. Etwas kurios, liegt doch Bratislava nur eine Auto- oder Bahnstunde von Wien entfernt und kann sogar bequem mit einem Schiff angesteuert werden. Dank dem Österreichischen Kulturforum wurde dieser reisestatistische Makel behoben.

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Über Auftrittserfahrung in Bratislava verfügte aber Marialena Fernandes, die bei der palotischen Premiere dabei war. Angesagt war also das Programm Tambdde Roza – vom Atlantik zum Indischen Ozean, Auftrittsort der feine Saal des ÖKF gegenüber dem Präsidentenpalast. Wobei wir fünf Musiker, die vor acht Jahren auszogen, um mit dem Projekt Hotel Haydn die Welt zu erobern, beim Anblick des Palais Grassalkovich weniger an aktuelle Politik als an Musikhistorisches dachten, denn in diesem um 1760 erbauten Schloss (dessen Besitzer Antal Grassalkovich, ungarischer Magnat und kaiserlicher Finanzverwalter, auch auf dem Wiener Maria-Theresia-Denkmal posiert) trat mehrmals Joseph Haydn auf.

Um in der Musikgeschichte zu bleiben: Ein kurzer Spaziergang vom ÖKF zum Dom Sankt Martin führt nicht nur zu Auftrittsorten Haydns, sondern anderer großer Musiker. 1762 begeisterte der sechsjährige Wolfgang Amadeus Mozart seine Zuhörer im Palais Pálffy, 1820 sorgte der neunjährige Franz Liszt im Palais de Pauli für Furore, 1796 gab Beethoven mehrere Konzerte (wo genau ließ sich nicht herausfinden) und   im Jahr 1884 leitete das ehemalige Wunderkind Liszt  die Aufführung seiner Krönungsmesse in der Kathedrale.

Bemerkenswert auch die Statue des Dompatrons Martin. Er agiert in üblicher ikonographischer Manier (Pferd-Schwert-Mantel-Bettler), allerdings wirkt er  kämpferisch-sportiv  und trägt die Kleidung eines ungarischen Husaren. Angeblich modellierte der Wiener Bildhauer Raphael Donner den schneidigsten Heiligen Martin der Kunstgeschichte nach dem Erzbischof und Kunstförderer Imre Esterházy.

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Der Rundgang sollte natürlich auch das Palais Esterházy einbeziehen, wo Joseph Haydn 1767 die Uraufführung seiner komischen Oper “La Canterina“ dirigierte. Und nicht zu vergessen das Geburtshaus Johann Nepomuk Hummels – heute ein Museum mit einer großartigen CD-Handlung (und gleich daneben zwecks Verkostung slowakischer Weine die Vinotéka Urbana).

Zu guter Letzt könnten Sie auch der Familie Moyzes gedenken, indem Sie durch das Gässlein Moyezava schlendern. Mikulas und dessen Sohn Alexander prägten im 20. Jahrhundert als Komponisten und Lehrer das Musikleben der Slowakei.

Jedenfalls scheint sich Bratislava als musikalische Talenteschmiede für jüngste und ziemlich junge Musiker bewährt zu haben – ob das für die Palotischen Fünf auch noch von Bedeutung sein könnte?

 

Halay City Marathon & Hotel Palindrone

Am nächsten Tag Ballsaal Palindrone, für viele Wiener Tanzbegeisterte mittlerweile  eine Institution. Dieses Mal allerdings dürfen wir getrost vom Ballsaal Halay reden, denn nach der gewohnt feurigen Eröffnung von Hotel Palindrone (mit Yunus Hentschel als Substitut für den verhinderten Stephan Steiner) erhöhten   die Tanzmeister rund um Dilan Sengül sowie das Zurna-Davul-Duo Münür & Hasan die Betriebstemperatur. Und damit rückte der geografische Schwerpunkt des palotischen Tanzabends (sehr oft, dank der Gastmusiker,   Westeuropa) ein gewaltiges Stück nach Südosten. Die Tänzer zogen bis zur Erschöpfung begeistert mit – um so mehr als zum Abschluss Münür, Hasan und Hotel Palindrone mit Tänzen aus der Bretagne und Anatolien zur Session aufspielten.

Münür Tunc (Lebensmotto “keep calm and play zurna“ ) über seine Musik: “Halay ist ein schöner Folkloretanz, der viel Freude bringt. Der die Gemüter aller Menschen, egal ob Groß-Klein, Dick-Dünn. Schwarz-Weiß, Hetero-Homo-Bisexuell, in einem Topf vereint. Halay kann man zu fast jedem Anlass tanzen. …. Halay ist einer der wichtigsten Tänze der Anatolischen und Mesopotamischen Kultur.“

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Und wenn es um die Beschreibung des Halay geht, darf Richard Schuberth, Edelfeder fast aller literarischen Genres und ein Mastermind der Wiener Welt-Musik-Szene, nicht fehlen. Unter dem Titel Tanzen bis zum Umfallen – der Stereotype schrieb er in der Zeitschrift Augustin (31. August 2016) einen bemerkenswerten Text, der nicht nur einen Bogen vom Halay zum bretonischen Festoú-noz spannt, sondern auch die Ethnisierung von MigrantInnen oder das Politische im scheinbar Unpolitischen thematisiert. Und er beschäftigt sich mit dem widersprüchlichen Wesen des Reihentanzes (Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde gekürzt).

“Das Gesicht des Zurna-Virtuosen Münür Tunc wird sich aufblähen wie ein Dudelsack, denn das Spiel der Zurna erfordert permanenten Druck auf das Rohrblatt dieses Schalmeieninstruments, Zirkularatmung nennt man das. Münür hat die Zurna schon während seines Präsenzdienstes in Allentsteig gespielt, und seinen Kameraden hatte es gefallen. Ein Perkussionist wird die große Rahmentrommel Davul dazu schlagen, und zu pentatonischem Bio-Hardrock wird sich unter Rufen und Trillern eine tanzende Schlange in Bewegung setzen, so lang wie die Liste an Vorurteilen und falschen Projektionen, die das Zusammenleben der Menschen in dieser Stadt vergiften.

Moment. Wird hier wieder einmal Völkerliebhab-Pädagogik betrieben, die mit ihren Kulturalisierungen gesellschaftlicher Widersprüche permanent zugibt, Teil und nicht Lösung des Problems zu sein? Mit der naiven Annahme, MigrantIinnen seien irgendwie ethnischer als andere Menschen, und durch interkulturelles Kochen und Nationalhymnenabsingen kämen die Leut’ besser z’samm – Friede, Freude, Toleranztanz und Baklava. Doch Vilimsky lässt sich seinen Kebab gut schmecken, und Kinderbemalen gegen den Golfkrieg hat schon in den 90er Jahren außer Hautausschlägen nicht viel bewirkt. Der Halay City Marathon tanzt hier aus der Reihe. Und zwar mit fröhlicher Unverfrorenheit. Zeynep Alan, Dilan Şengül und Natalie Assmann, allesamt Schauspielerinnen und kulturarbeitende Aktivistinnen, haben die Aktion ins Leben gerufen.

Halay, so heißen in der Türkei die Reihen- und Kreistänze, die zu Instrumenten wie den erwähnten Zurna und Davul getanzt werden, im Kurdischen nennen sie sich Govend, im Armenischen Kochari, an der Schwarzmeerküste Choron, der zirkumpontisch wiederum mit der rumänischen und ostjüdischen Hora verwandt ist und mit dem bulgarischen Horo (bzw. mazedonischen Oro), mit dem Kolo Ex-Jugoslawiens, dem griechischen Sirtos und dem kretischen Pentozalis. Gar nicht bedroht fühlt sich Otto Normaleuropäer vom süßlichen Urlaubskitsch des Sirtaki, handelt es sich dabei ja auch um eine Verniedlichungsform des Sirtos und geht seine Choreographie der Legende zufolge entweder auf die tänzerische Ungeschicklichkeit Anthony Quinns oder seine Fußverletzung bei den Dreharbeiten zu «Alexis Sorbas» zurück.

Manchen sind traditionelle Reihentänze mit ihren standardisierten Schritten Ausdruck beglückender Kommunalität, anderen wiederum stupide Entindividualisierung und Transformation in einen Gemeinschaftskörper. Beides kann wahr sein. Denn zumeist bietet sich in der Praxis für Einzelne die Möglichkeit, sich aus dem Verband zu lösen und durch eigene Choreographien zu brillieren. Gleichwohl sind diese Tänze inklusiv wie exklusiv, einfachere Schrittfolgen laden die größtmögliche Zahl an PartizipantInnen ein, komplexere lassen die Profis auf ihre Kosten kommen.

Die Fremd- und Wildheit der Musik wird unweigerlich durch einen orientalisierenden Gegensatz von Zivilisation und Barbarei wahrgenommen, nicht eingedenk des Umstandes, dass die größten Barbareien der Geschichte von Regionen ausgegangen sind mit dem größten Happy Sound in ihrer Volksmusik. Eine Gelegenheit freilich, die Dichotomie von eigen und fremd erneut auf Herz und Hirn zu prüfen.

In vorbürgerlichen Zeiten hatten Tanz und Tanzmusik von Irland bis China ein ähnliches Gepräge, frühneuzeitliche Gemälde von Reigen bezeugen diese Universalität. Und die Kirche agitierte aus guten Gründen gegen die enthemmenden Klänge von Dudelsäcken, Schalmeien und Trommeln. Düstere Skalen, wilde Sounds, bis ins 19. Jahrhundert keine Frage von Orient und Okzident. In der Bretagne werden bei den sogenannten Festoú-noz jetzt noch Reihentänze getanzt, die den anatolischen nicht nur in Schritten gleichen, sondern auch in ihrer Begleitung durch die Schalmei namens Bombarde.

Bleibt schließlich noch die Frage nach der Aktualität des ästhetischen Ausdrucks. Warum macht ihr keinen Rap oder Breakdance, waren die Initiatorinnen gefragt worden. Ein nicht unberechtigter Vorwurf der Ethnisierung und Folklorisierung schwingt da mit. Doch ist migrantischer Rap mit seiner artifiziellen Außenseiterattitüde nicht selbst schon ein folkloristischer Ladenhüter im Migrantenstadl?

Man kann es auch so sehen: Halay City Marathon spielt ein Spiel. Er entfremdet Tanz und Musik ihres ursprünglichen Kontextes, entführt sie aus den Subkulturen der Neuwiener und präsentiert ihn als selbstverständlichen kulturneutralen Ausdruck. Je weniger politische Programmatik, umso politischer, denn das Politikum besteht ja auch darin, sich gleich gar nicht diskursiv rechtfertigen zu müssen, und «performativer Akt» zu sagen, wo einfach eine Hetz gemeint ist.

Vienna City Halay Marathon ist nicht fremdbestimmt, von keinem Kulturamt verordnet. Das migrantische Wien reicht dem nichtmigrantischen die Schwesterhand, lädt dazu ein, sich endlich nicht so deppert anzustellen und einfach mitzutanzen. Eine heitere Halayschlange, die selbstbewusst über das Giftpfauchen der pöbelhaften Kulturfronten samt ihrer hässlichen Zäune hinwegtanzt; Kulturen nicht verbindet, sondern ihre Trennung von vornherein nicht akzeptiert. Eine Taktik der Verführung und Überrumpelung, ein dionysischer Flashmob … “

Die politische Dimension im scheinbar Unpolitischen betont auch Journalist Deniz Yüksel (der noch immer in einem türkischen Gefängnis festgehalten wird), wenn er in seinem 2014 erschienenem Buch Taksim ist überall. Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei beschreibt, wie im vielschichtigen und bunten Gezi-Demonstranten-Gewusel die Kurden unterunterbrochen Halay tanzten.

Zurück zum Ballsaal-Palindrone-Halay-City-Marathon: Video demnächst, Reprise spätestens 2018!

 

Hochburg des Jazz an der Thaya

Blick über die Auwälder des Grenzflusses in die Tschechische Republik, Altstadt samt Schloss der Kategorie “malerisch“ und ein Konzertklub im Kellergewölbe aus dem 14. oder 15. Jahrhundert (schon wieder sehr pittoresk). Wo sonst hochkarätige Jazzmusiker aufspielen, betraten Marialena Fernandes und Hotel Palindrone die Bühne im bummvollen Jazzkeller Drosendorf. Ein grandioses Konzert – Video demnächst.

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Zu Drosendorf zwei Tipps: Das Gasthaus Feiler alias Zum Goldenen Lamm bietet feine regionale Küche und angenehme Zimmer an. Wer hingegen in gepflegter polanski’scher Vampir-Atmosphäre übernachten will, sollte im Schloss logieren. Was noch für Gasthaus und Burg spricht: Sie liegen etwa dreihundert Meter vom Jazzkeller entfernt – kein Nachteil, wenn man sich nach einem Konzert an der Kellerbar den Veltlinern des nordwestlichen Weinviertels widmet.