Ein Jahr nach Inbetriebnahme ist das Cinema Paradiso nicht mehr aus dem Kulturleben Badens und der ganzen Südbahnregion wegzudenken: Anspruchsvolle Filme, Konzerte mit Topmusikern aus der ganzen Welt, Lesungen mit renommierten Schauspielern und Autoren, internationale Zeitungen, köstliche Tapas, feine Weine.

Fotos: Friedrich Sattra

Und so war es an der Zeit, dass auch Hotel Palindrone im Cinema Paradiso auftrat. Schließlich war die Band vor bald zwanzig Jahren in Baden gegründet worden - wo die Paloten eifrig an ihrem Repertoire gearbeitet und wo auch die ersten Konzerte stattgefunden hatten. So gestaltete sich der letztwöchige Auftritt zu einem echten Heimspiel: Ausverkauftes Haus, tolle Stimmung, animiert aufspielende Paloten und musikhistorische Kommentare mit Lokalkolorit, die mittlerweile zu erstaunlichen Erkenntnissen geführt haben.

Wer hätte geglaubt, dass ein nonchalanter Bühnenkommentar nach so kurzer Zeit die Welt der Musik derart erschüttern könnte? Wir erwähnten Joseph Haydns Ehefrau Maria Anna Aloysia Apollonia, Tochter des Wiener Perückenmachers Johannes Peter Keller, die ihre letzten Lebensjahre in Baden verbracht hatte.

Die 1760 im Stephansdom geschlossene Ehe der Haydns stand unter keinem guten Stern: Aloysia zeigte wenig Interesse für Haydns Talent und beruflichen Werdegang, gab aber Geld mit beiden Händen aus und galt als ungebildet. Kinder wollten sich auch nicht einstellen - “mein Weib war unfähig zum Kindergebären und daher war ich auch gegen die Reize anderer Frauenzimmer weniger gleichgültig”, soll Haydn geschrieben haben.

Irgendwann trennten sich ihre Wege. Aloysia lebte die letzten Jahre vor ihrem Tod in Baden, im Haus eines gewissen Anton Stoll, Lehrer und Regens Chori der Badener Pfarrkirche Sankt Stephan sowie ein guter Freund Mozarts (der Stoll seine 1791 verfasste Motette Ave Verum Corpus widmete). In Baden also eine prominente Persönlichkeit. Vielleicht war Frau Haydn “auch gegen die Reize anderer der Männer weniger gleichgültig”.

Die arme Aloysia ging ohnehin mit einem gewaltigen emotionalen Handicap in die Ehe: Haydn hatte sich in Theresia Helena Keller, die jüngere Schwester seiner Gattin, verliebt. Theresia wurde aber im Alter von 22 Jahren Nonne und nannte sich bis zu ihren Lebensende (1819) Schwester Josepha.

Josepha? Josepha?? Josepha! Hätten wir diese Geschichte vor dem Konzert gekannt und hätten wir die Sensation von der Bühne verkündet, dann wäre das Cinema Paradiso noch vor Ende des Konzerts von Kulturjournalisten und Society-Paparazzi überrannt worden. Was für eine Story: “Theresia verzichtet auf Joseph, geht ins Kloster und nennt sich Josepha!”

Aber das ist noch nicht alles!

Denn laut Michael Lorenz war Maria Anna Aloysia Appolonia gar nicht Haydns Frau! Besagte Dame starb bereits als einjähriges Baby (1730). In Wirklichkeit ehelichte Haydn 1760 Maria Anna Theresia Keller, welche 1800 in Baden verschied. Nicht zu verwechseln mit der bereits erwähnten Theresia Helena Keller alias Schwester Josepha. Liebe Chronisten: Richtiges Jahr, falsche Braut!

Schuld an dieser Konfusion tragen nicht nur Haydns Biographen, sondern auch der Kinderreichtum von Maria Elisabeth und Johannes Peter Keller. Sie bekamen zwischen 1723 und 1744 fünfzehn Kinder - und sorgten durch die damals übliche Namensgebung für zusätzliche Verwirrung. Wir erwähnen jetzt nur die anderen Mädchen: Maria Barbara Helena Theresia, Maria Anna Elisabeth, Eleonora Maria Anna, Maria Catharina Aloysia. Bei den Buben geht es ähnlich chaotisch zu (glücklicherweise für die Forschung heiratete keiner eine berühmte Frau). Ob aus Liebe zum charmanten und genialen Haydn oder um der Namenskonfusion zu entgehen (oder beides): Josepha hat ihren Namen gut gewählt und damit den Haydn-Adepten noch mehr Durcheinander erspart.

Aloysia Haydn (Foto: www.haydn2009.at)

Aloysia oder Theresia - wie auch immer! Nach unserem Konzert erfuhren wir von Christian Wiesmann (Multi-Instrumentalist, palotischer Gastmusiker, Lehrer und Regens Chori zu Sankt Stephan), dass Madame Haydn auf einem längst aufgelassenen Friedhof nahe dem Badener Zentrum beerdigt lag. Vor einiger Zeit kamen bei Bauarbeiten in der Welzergasse allerlei menschliche Knochen zum Vorschein …. .

Vielleicht sollten wir mit unseren Instrumente in die Welzergasse fahren und dort eine Serenade spielen: Für Aloysia, Theresia, Josepha und Joseph.

 

Literatur

Phänomen Haydn. 1732-1809. Katalog zur Ausstellung (Schloss Esterházy Management, Eisenstadt)

www.haydnfestival.at

Anna Ehrlich: Auf den Spuren Franz Josef Haydns in Wien (www.wieninfo.at)

Michael Lorenz: Joseph Haydn’s Real Wife. In: Michael Lorenz: Musicological Trifles and Biographical Paralipomena (www.michaelorenz.blogspot.co.at/2014/09/joseph-haydns-real-wife_11.html)